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Betrachten Sie ihre Situation aus neuen Perspektiven: Der Sokratische Dialog – stoic mind - Psychologische Bera- Diemtar Gumprechttung

Der Sokratische Dialog

In Beratung und Coaching
Sokrates ist vielen ein Begriff, ebenso wie die nach ihm benannte Gesprächsform. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass der Sokratische Dialog über die Jahrtausende hinweg weiterentwickelt wurde und schließlich Eingang in die Psychologie, die psychologische Beratung und ins Coaching fand. Die folgenden Zeilen möchten Ihnen einen ersten Eindruck über die enormen Möglichkeiten bieten, die diese Art des Miteinander-Redens in sich birgt.
Das Ärgernis namens Sokrates

Für viele ist Sokrates (469 bis 399 v. Chr.) der erste wahre Philosoph. Dies wird auch dadurch deutlich, dass alle Philosophen vor ihm als Vorsokratiker bezeichnet werden. Von Beruf vermutlich Steinmetz hinterließ er als Philosoph des praktischen Handelns keine selbst verfassten Schriften. Alle zeitgenössischen Aufzeichnungen über sein Wirken stammen von seinen Schülern Platon und Xenophon.

Weniger schmeichelhaft stellt ein dritter Zeitgenosse den streitbaren Sokrates dar:

Der Komödiendichter Aristophanes lässt ihn in seiner Komödie “Die Wolken” als Wirrkopf auftreten, oder vielmehr schweben,  der gerne “die schwächere Rede zur stärkeren macht” und dem Gras aus seinen Taschen wächst. So war Aristophanes vermutlich kein Fan.

 

Mit seiner provokant entlarvenden Art Fragen zu stellen, machte sich Sokrates bei den Athener Eliten nicht gerade beliebt. Zu oft wurden sie öffentlich lächerlich gemacht, indem Sokrates durch seine beharrlichen Fragen das Nichtvorhandensein ihres angeblichen Expertenwissens zutage förderte. Sokrates wurde so zum Feindbild aller Blender und aufgeblasener Egos. Ein Umstand, der ihn schließlich das Leben kostete, als er in einem auf einer fadenscheinigen Anklage beruhenden Gerichtsverfahren zum Tode durch den Schierlingsbecher verurteilt wurde.

Verboten, wiederentdeckt und weiterentwickelt

Die von Platon überlieferte Sokratische Gesprächsführung war über lange Zeit hinweg das wichtigste philosophische Modell des Erkenntnisgewinns. Das Sokrates selbst in Platons “Apologie des Sokrates” seine Art zu fragen mit der Tätigkeit einer Hebamme vergleicht, die den Gesprächspartner quasi dabei unterstützt neue Erkenntnisse zu gebären, bezeichnete man diese Methode bald als Mäeutik (=Hebammenkunst).

Diese Tradition des Erkenntniserwerbs endete jäh, als 529 n. Chr. Kaiser Justinian die platonische Akademie verbieten ließ. Selbständig zu denken, vorgefasste Meinungen und Ansichten in Frage zu stellen und offen zu philosophieren, waren dem dogmatischen Christentum ein Dorn im Auge.

Erst mehr als 1000 Jahre erfuhr der Sokratische Dialog durch den Philosophen Immanuel Kant (1724 bis 1804) gleichsam eine Wiederbelebung. 

Durch Jakob Friedrich Fries (1773 bis 1843) wurde die wiederentdeckte Art der Gesprächsführung an die damalige Gegenwart angepasst, was wieder den Philosophen und Mathematiker Leonard Nelson (1882 bis 1927) dazu inspirierte sie zur Sokratischen Methode bzw. zum Neo-Sokratischen Gespräch, weiterzuentwickeln.

Für unsere Gegenwart sind die Adaptionen und Ergänzungen des Sokratischen Dialogs durch  Gustav Heckmann (1898 bis 1996) bedeutsam, vor allen da er es mit Elementen der von Ruth Cohn stammenden Themenzentrierten Interaktion und mit dem Metagespräch vervollständigte. 

Der Ablauf des klassischen Sokratischen Dialoges

In den von Platon verfassten Dialogen findet ein Gespräch zwischen zwei oder manchmal auch mehreren Personen statt, von denen eine Sokrates ist. Einleitend stellt Sokrates seinem Gegenüber eine Frage. Auf dessen Antwort lässt Sokrates dann kürzere oder längere Monologe folgen, die dem Gesprächspartner letzten Endes vor Augen führen, wie falsch er liegt. Am Ende dieser Monologe stellt Sokrates neuerlich eine meist rhetorisch-geschlossene Frage, die nur die Antworten “Ja” oder “Nein” zulässt..  Sokrates wiederholt dieses Vorgehen so lange, bis sein Gesprächspartner, vermutlich peinlich berührt, sein Nicht-Wissen eingestehen muss.

Wissen und Nicht-Wissen

Diese Elenktik genannte Methode der Widerlegung weist dabei einen bemerkenswerten Umgang mit den Aspekten Wissen und Nicht-Wissen auf. So stellt Sokrates, wohl aus taktischen Gründen, zu Beginn des Gesprächs als naiv Nichtwissender dar, der den Rat des vermeintlich Wissenden sucht.

Im weiteren Gesprächsverlauf erfährt diese Rollenverteilung jedoch eine komplette Umkehrung, als das Gegenüber das eigene Nicht-Wissen eingestehen muss und von Sokrates mit Verwirrung, Staunen und Zweifel zurückgelassen wird.

Dieses Vorgehen würde man heute vermutlich als Provozieren einer kognitiven Dissonanz oder als Schaffung von Problembewusstsein bezeichnen. Sokrates wollte damit gewohnte Denkmuster aufbrechen und dem Gesprächspartner zu neuen Sichtweisen einladen.


In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass das viel zitierte “Ich weiß, dass ich nichts weiß!” nicht als Einladung zum absoluten Relativismus oder als Lobpreisung der Ignoranz verstanden werden sollte. So lautet das Sokrates-Zitat in Platons Apologie ursprünglich:
…allein dieser doch meint zu wissen, da er nicht weiß, ich aber, wie ich eben nicht weiß, so meine ich es auch nicht.“
Auf diese Weise liest sich diese Aussage eher als Aufruf, sich der Grenzen des eigenen Wissens bewusst zu sein und dort zu schweigen, wo sein Nicht-Wissen beginnt. Gleichsam könnte dieses Zitat ein wirksames Mittel zum heute so oft beobachteten Dunning-Kruger-Effekt sein.

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Frage-Arten und Techniken

Sokrates Art zu Fragen lassen sich im Prinzip auf sechs Techniken reduzieren:

  • Fragen der Begriffsklärung und des Verstehens

  • Fragen nach Annahmen

  • Fragen nach Alternativen

  • Fragen nach den Konsequenzen und Folgen

  • Fragen zur Methaperspektive

In der psychologischen Beratung, im Coaching und in der kognitiven Verhaltenstherapie wird der Sokratische Dialog mit den so genannten Disputationsfragen angewandt

 

  • empirische Disputation: Welche Erfahrungen lassen sich aus der Beobachtung ableiten?

  • hedonistische Disputation: Wie nützlich ist mir eine Sache und wie sehr trägt sie zu meinem Wohlbefinden bei?

  • logische Disputation: Beinhalten meine Annahmen Widersprüche

  • originäre Disputation: Was ist der Ursprung meines Gedankens?

Grundhaltungen

Abschließend nun noch einige Grundhaltungen des Sokratischen Dialogs im Beratungs- oder Coaching-Umfeld:

  • Der Klient oder die Klientin wird dazu animiert, selbst zu denken, anstatt zu erwarten Lösungen vorgesetzt zu bekommen.

  • Dem Konkreten wird gegenüber dem Abstrakten der Vorzug gegeben.

  • Alle Beteiligten des Gesprächs denken miteinander statt gegeneinander.

  • Die Beteiligten trachten nicht danach, Meinungen auszutauschen, als vielmehr Wahrheiten zu entdecken.

Mit diesen Ausführungen wollte ich Ihnen erste Vorstellungen vermitteln, was mit dem Begriff des Sokratischen Dialogs gemeint ist und was Sie von dessen Anwendung erwarten können. Sollten jedoch mit diesem Text mehr Fragen entstanden sein, als hier beantwortet wurden, möchte ich Sie gerne dazu einladen, die Möglichkeiten dieser Art der Gesprächsführung zu erleben.

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